
Schnifis hat nun ein Leader-Projekt im kulturellen Bereich!
Aus der Bürgerredaktion für das Gemeindeblättle Schnifis hat sich im Jahr 2023 eine Initiative gebildet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die ältesten Schnifnerinnen und Schnifner zu interviewen. Die Zeitzeugeninterviews mit den interessanten Geschichten, Erlebnissen und Erfahrungen aus der Vergangenheit werden dabei für die Nachwelt erhalten und im Archiv der Gemeinde aufbewahrt. Es steht jedoch nicht die reine Aufbewahrung im Vordergrund. Die Sammlung dieses kulturellen Erbes, die Gespräche mit den Schnifnerinnen und Schnifner sollen in adäquater und qualitativer Form aufbereitet und präsentiert werden. … schon war der erste Schnifner Zeitzeugennachmittag geboren.
Erster Zeitzeugennachmittag am 30. Juni 2024:
Die Flucht einer wohlhabenden Familie vor den russischen Besatzungsmächten aus dem damaligen Banat im heutigen Rumänien, mit dabei die junge Mutter Marianne Styhler, noch geschwächt von der Geburt, ein Neugeborenes im Arm, einen Dreijährigen an der Hand, alles zurücklassend außer Schmuck und Goldstücken.
Ein 16-jähriger, der noch einrücken musste und dem der Vater bei seiner Rückkehr die Berufswahl vorgab. Der als Bäckermeister Artur Erne in der touristischen Blütezeit der Fanni Amann zeitweise neben anderen Brotsorten 1000 Semmeln pro Tag backen sollte und nebenbei als Besitzer des ersten Autos in Schnifis für allerlei Fahrdienste zur Verfügung stand.
Das Frastanzer Mädchen Ruth Gstach, das am liebsten mit den Buben spielte, beim Baden in der Samina fast ertrunken wäre, als erste Frau aus Frastanz studieren durfte, sich als alleinerziehende Mutter durch harte Zeiten kämpfte und Ausgrenzung erfuhr, als Volksschul-Lehrerin Schnifis lieben lernte und hier ein Haus gebaut hat. Berufsbegleitend das Doktorat erwarb und ihr Forscherleben dem Barockdichter Laurentius von Schnüffis gewidmet hat.
Dann ist da noch ein junger Mann aus Thüringerberg, dem ein toleranter und weiser Älpler als Hilfssenn auf der Alpe freie Hand ließ und damit den Anstoß dazu gab, dass der spätere Meistersenn Erich Dobler diesen Beruf ergriffen hat und den Schnüfner Bergkäse zu etlichen Goldmedaillen führte.
Wie bewegt doch ein Menschenleben sein kann….
Zweiter Zeitzeugennachmittag am 23. März 2025:
Überraschend groß war das Interesse für den zweiten Zeitzeugen-Nachmittag, sodass Bgm. Simon Lins auch viele auswärtige Besucher im mehr als vollbesetzten Laurentiussaal begrüßen durfte. Die Zusammenfassungen der drei Interviews wurden von Mitgliedern des Zeitzeugen-Teams sehr abwechslungsreich präsentiert.
Den Anfang machte Zeitzeuge Jakob Erhart, der so manche Anekdote über die Entstehung seines Transportbetriebs erzählen konnte. So hat er z.B. kurz nach der Schule an einem einzigen Tag in Lustenau den Führerschein für PKW, Motorrad und Traktor gemacht. Da sein Vater und zwei Brüder nicht aus dem Krieg zurückgekommen sind, hatte Jakob schon im jugendlichen Alter die Idee, das karge Einkommen der kleinen Landwirtschaft mit Transportdiensten mit dem ersten Traktor im Dorf aufzubessern.
Im zweiten Beitrag erzählte Hedwig Amann über die unbeschwerte Kindheit im Kleinen Walsertal, die sie mit ihren vier Geschwistern im elterlichen Beherbergungsbetrieb verbringen konnte. Als sie nach der Schule die Arbeit in der örtlichen Bank begann, wurde sie dort als junges Mädchen Opfer eines Banküberfalls, was ihr das ganze Leben lang ein kleines Trauma bescherte.
Als musikalische Abwechslung besangen Herbert Dünser und Gebhard Berchtel in der Pause sämtliche Straßen- und Flurnamen in einer eigens kreierten Dorfhymne.
Das letzte Interview ging in die Zeit des 2. Weltkriegs zurück. Der aktuell zweitälteste Schnifner Arnold Duelli (95) berichtete von den Unannehmlichkeiten mit dem Nazi-Regime, die sein Vater als Bürgermeister zu überstehen hatte. Arnold war sogar Augenzeuge des großen Luftangriffs auf Feldkirch anno 1943, als er sich mitten auf der Bärenkreuzung befand und auf den Ardetzenberg fliehen musste.
Ein Blick hinter die Kulissen
Die Interviews wurden vorab von einzelnen Mitgliedern des Zeitzeugen-Teams (Renate Veith-Berchtel, Herbert Dünser, Marcelle Leiggener, Stefan Stachniß, Gebhard Berchtel) mit den Interviewten vorbereitet und an einem Stichtag gefilmt. Die Rohversion dauert, je nach Interview-Partner, zwischen ein bis drei Stunden. Die beiden Cutterinnen Magalie und Miriam Berchtel schneiden in Zusammenarbeit mit den Gesprächs-führerinnen die Rohversion in eine Lang- (ca. 1 h) und eine Kurzversion (ca. 20 min) für den Zeitzeugen-Nachmittag zusammen. Somit ist jedes Interview mit ca. 30 Stunden Aufwand verbunden.
Dritter Zeitzeugen Nachmittag, am 16. November 2025:
Drei Zeitzeugen mit ihren Lebensgeschichten füllen inzwischen den Laurentiussaal in Schnifis bis auf den letzten Platz - so geschehen am Sonntagnachmittag, den 16. November. Die Mitglieder des Zeitzeugen-Teams präsentierten die Zusammenfassungen der drei Interviews wiederum auf professionelle Weise.
Maria Amann erzählte als erstes von ihrer Kinder- und Jugendzeit am Dünserberg, die mit dem Tod der Mutter bei ihrer Geburt einen schlimmen Anfang nahm. Ihre Kochkünste setzte sie bereits im frühen Jugendalter für die Bauarbeiter der Dünser Seilbahn und der Dünserberger Straße ein. Spannend auch die Zeit als Fremden-zimmer-Vermieterin in den 70er-Jahren. Das Ergebnis ihres Hobbys als Kunststickerin ist heute noch in der Pfarrkirche in Form wunderschöner Altartücher ersichtlich. Am Ende des Interviews waren die meisten Besucher völlig überrascht von der abwechslungsreichen Lebensgeschichte dieser bescheidenen Frau.
Im zweiten Interview ging Norbert Amann, heute wohnhaft in Felsenau, auf seine Entwicklung vom Bauernsohn zum führenden Mitarbeiter der Baufirma Gort ein. Neben mehr als 100 Einfamilienhäusern leitete Norbert auch viele Großbaustellen, wie z.B. den Bau der Felsenaustraße Ende der 70er-Jahre. Den Schnifnern blieb er viele Jahre durch seine Mitgliedschaft bei der Gemeindemusik und beim Fischereiverein als Bauchef des Fallersees verbunden.
Hautnah hat Mizzi (Maria) Berchtel noch den Krieg in ihrer Geburtsstadt Laa a.d.Thaya direkt an der tschechischen Grenze erlebt. Die zerbombten Häuser kamen ihr bei den aktuellen Bildern aus der kriegsgeschädigten Ukraine wieder besonders negativ in Erinnerung. Ihre Fähigkeiten als gelernte Schneiderin setzte sie nach ihrer Übersiedelung nach Vorarlberg sowohl bei ihren Nähkursen im ganzen Walgau und Walsertal als auch als spontane Fasnatkleider-Entwerferin ein. Sogar mit 67 Jahren konnte sie bei einer Reise nach Ecuador in der Missionsstation von P. Georg Nigsch den Einheimischen noch Nähtipps geben.
Zwischen und nach den Interviews umrahmte die Oberkrainer-Revival-Band der Gemeindemusik den Nachmittag musikalisch. Die Bewirtung lag in der bewährten Hand des Kulturausschusses der Gemeinde Schnifis.
Alles in allem wiederum eine äußerst abwechslungsreiche Veranstaltung mit ausschließlich positiven Rückmeldungen der zahlreich erschienenen Gäste.
Der nächste Nachmittag ist bereits für kommenden März geplant.
Wie geht es weiter?
Eigentliches Ziel dieser Aufzeichnungen ist die Archivierung von Erzählungen aus einer vergangenen Zeit für spätere Generationen. Wer die Interviews nachhören möchte, kann dies auf dem Zeitzeugen - YouTube Kanal der Gemeinde Schnifis (www.schnifis.at) tun. Die äußert positiven Rückmeldungen der zahlreichen Gäste sind die beste Motivation für das Team, mit den Interviews weiterzumachen. Im März 2026 ist bereits der nächste Zeitzeugen-Nachmittag in Vorbereitung.
Auf unserem Youtube Kanal sind sämtliche Zeitzeugen Interviews abrufbar: Zeitzeugen - YouTube
